Abtreibung: Machtkampf und Misogynie

„if you’re not outraged you‘re not paying attention“ – AND I AM.

Es betrifft mich nicht persönlich, vielleicht noch nicht, vielleicht wird es das auch nie. Aber: wenn 2019 in einem US-Bundestaat und 2020 in einem europäischen Land ein Gesetz verabschiedet werden soll, dass Abtreibungen faktisch verbieten will, macht mich das verdammt wütend – aber vor allem besorgt. Ich fühle mich als Frau davon betroffen. Weil ich glaube, dass dieses Szenario nicht so weit weg ist, wie es scheint.

Mittlerweile rückt der Kampf um die reproduktiven Rechte von Frauen immer näher – zumindest geografisch betrachtet. Was 2019 noch einen Ozean weit entfernt war, geschieht 2020 bereits nebenan: Auch die rechtskonservative Regierung Polens will Frauen betreffend ihrer reproduktiven Rechte nahezu komplett entmachten. Im Land mit einem der strengsten Abtreibungsgesetze Europas, soll ein Schwangerschaftsabbruch nun faktisch ganz verboten werden. Selbst bei einer schweren Schädigung des Embryos, so beschloss es das Verfassungsgericht am 22. Oktober 2020.

Was folgte, waren tagelange Proteste in mehr als 100 polnischen Städten. Frauen und Männer, jung und alt: Sie alle erhoben ihre Stimme gegen den von der katholischen Kirche stark beeinflussten Staat und die vorherrschende Regierung. Die Corona-Pandemie schien für kurze Zeit beinahe nebensächlich. „Beschäftigt euch mit dem Körper Christi – Finger weg von den Frauen!“ wurde an Kirchenwände gesprüht, der Hashtag #strajkkobiet – zu Deutsch Frauenstreik – wurde auf Social Media über zweihunderttausend Mal geteilt.

So viele laute Stimmen konnten nicht überhört werden. Nach der großen Resonanz über Ländergrenzen hinweg, musste die polnische Regierung schlussendlich einlenken. Das Abtreibungsverbot tritt vorerst nicht in Kraft. „Solidarität ist unsere Waffe“, haben die jungen Frauen und Männer in Polens Straßen gerufen. Lasst uns das in Zeiten wie diesen nicht vergessen. Let’s all pay attention.

Der andauernder Kampf um Frauenrechte

Initiativen wie #fairändern wollten Abtreibungen 2019 auch in Österreich erschweren oder ganz verbieten. Wie in Alabama und Polen sind es auch hier vor allem – aber nicht nur – alte weiße Männer, die letztendlich darüber entscheiden, was Frauen mit ihrem Körper, ihrem Uterus, machen dürfen oder auch nicht. Darunter auch österreichische Abgeordnete: Abtreibungsgegner*innen haben hierzulande eine starke Lobby. Die Initiatorinnen von #KeinenMillimeter protestieren dagegen und wollen mit ihrer Petition einen Rückschritt der reproduktiven Rechte von Frauen in Österreich verhindern. Ihr Argument: „Verbote und Strafen ändern nicht die Zahl der Abbrüche. Schwangeren den Zugang zum Abbruch zu verweigern, bedeutet, dass wieder viele Frauen bei Abtreibungsversuchen und Experimenten ums Leben kommen.“

In Alabama gingen Frauen im Mai 2019 in Kostümen, die an die Serie „the handmaid’s tale“ erinnern, auf die Barrikaden. In der Romanverfilmung werden Mägde zur Reproduktion versklavt, sie sind wandelnde Brutkästen für die Elite. Im ersten Moment scheint die Assoziation überspitzt, im zweiten sind Zitate aus der Serie, wobei die Hauptprotagonistin an die Anfänge zurückdenkt, erschreckend treffend:

„Nichts verändert sich sofort, die Veränderung kommt schleichend.“

Abtreibungsgegner*innen setzen sich immer wieder für eine Veränderung in Richtung konservativ ein: 2018 wurde in Deutschland eine Frauenärztin zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie auf ihrer Website über die Möglichkeiten einer Abtreibung informierte. Die Richter*innen sahen sich mit dem Urteil von Kristina Hänel zwar überfordert, dennoch wurde es gefällt.
„Sie müssen das Urteil tragen wie einen Ehrentitel in einem Kampf für ein besseres Gesetz“, hieß es abschließend. Den Kampf führen muss vor allem die Zivilgesellschaft. Weltweit.

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